Wohl kaum eine andere Krankheit ist mit so vielen Vorurteilen und Irrtümern behaftet wie der Alkoholismus.
„Die sind doch selbst schuld!“, heißt es beispielsweise. „Wenn die nicht trinken wollten, würden sie ja aufhören!“
Oder: „Die sind alle dreckig und verlogen!“
Doch es handelt sich bei der Alkoholkrankheit – der Name sagt es bereits! - keineswegs um eine schlechte Charaktereigenschaft, um Willensschwäche oder um eine Begleiterscheinung mangelhafter Intelligenz, sondern um eine schwere Erkrankung, die unbehandelt fast immer tödlich endet.
Früher sagte man gern: „Es gibt mehr alte Säufer als alte Ärzte!“ Das ist ein Märchen. Denn Trinker, die bereits ein hohes Alter erreicht haben, sind häufig erst spät dem Alkohol verfallen.
Alkoholismus ist eine Sucht:
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Die Substanz „Alkohol“ wird vollständig in den Kreislauf eines Menschen eingebunden. Das bedeutet, dass verschiedene Denk- und Körperfunktionen auch nur unter Alkoholeinfluss funktionieren.
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Die Psyche und die Seele verfallen der Droge ebenfalls, weil der Alkohol eine Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit ausschließlich im angetrunkenen Zustand vorgaukelt.
Die Erscheinungsbilder des Alkoholismus sind jedoch unterschiedlich.
Es gibt alkoholkranke Menschen, die durch den regelmäßigen Besuch einer Selbsthilfegruppe, wie z.B. den „Anonymen Alkoholikern“, nüchtern und trocken werden können. Bei diesen Kranken ist die Sucht hauptsächlich seelisch und psychisch orientiert und sie können tatsächlich dauerhaft ohne körperliche Entzugstherapie (stationäre Entgiftung) genesen. Aber ohne vorherige körperliche Entgiftung kann man nur durch den Besuch bei einer Selbsthilfegruppe nicht trocken werden – das ist ein Irrtum. Die Kranken, bei denen das funktioniert hat, waren körperlich nicht oder nur milde abhängig. Rein psychische Abhängigkeit ist somit jedoch durch regelmäßigen Gruppenbesuch therapiebar.
Andere wiederum, und das ist der größte Teil unter den Kranken (mindestens 75%) brauchen die überwachte stationäre Entgiftung unter Einsatz spezieller Medikamente, da der körperliche Entzug lebensgefährlich werden kann und häufig mit schwersten Ausfallerscheinungen, wie z.B. mit epileptischen Anfällen und Delirien, gekoppelt ist.
Daraus erklärt sich bereits, dass die/ der Alkoholiker/in ganz bestimmt nicht „gerne“ trinkt!
Auch, wenn sich das Betroffene häufig selbst einreden – denn Alkoholiker/in zu sein, hat etwas Abwertendes, Beschämendes.
Würden Alkoholiker „ganz einfach“ von selbst aufhören können zu trinken, würde keine einzige Krankenkasse Entgiftungen und Therapien bezahlen!
Was bedeutet es denn für die Betroffenen, mit Alkoholismus zu leben?
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Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit gelingt Nahrungsaufnahme nur noch mit Widerwillen, da der Körper aufgenommene Speisen gleich wieder von sich gibt.
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Steht kein Alkohol zur Verfügung, entstehen Ängste und Wahnvorstellungen, Krampfanfälle und vieles mehr.
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Die Fähigkeit zur körperlichen Liebe leidet, ebenso das Verlangen danach.
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Vergesslichkeit, Realitätsverlust drohen. Einige Alkoholiker können Fiktion und Traum nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden („Korsakow-Syndrom“).
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Schmerzen in den Gelenken entstehen, ebenso zahlreiche organische Beschwerden bis hin zu schwersten Erkrankungen, die tödlich enden können.
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Die Haut wird gelblich-fahl, Falten entstehen und die Mimik verzerrt sich.
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Trotz extremer Mangelerscheinungen schwemmen verschiedene Körperteile durch Wasserbildung auf („Bierbauch“ und „dicker Kopf“); das Gesicht wird fleckig-rot.
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Das Zahnfleisch geht zurück, die Zähne werden faulig.
Kein Mensch tut sich so etwas freiwillig an!
Wir wissen heute viel von und über Krankheiten wie zum Beispiel Krebs.
Doch über die Alkoholkrankheit gibt es nach wie vor eine unvorstellbare Unwissenheit – besonders in unserer Gesellschaft.
Dabei gilt auch hier:
Es kann jede/n treffen!
Denn gegen Alkoholismus gibt es keine Impfung.
Das Leid der Angehörigen
Alkoholismus ist eine Familienkrankheit.
Das heißt: Nicht nur die/ der Alkoholiker/in leidet, sondern auch die Familienmitglieder.
Alkohol macht aggressiv, depressiv und passiv – und so muss die Familie unkontrollierte Wutausbrüche ebenso ertragen wie geäußerte Selbstmordgedanken und eine furchtbare Lethargie: Die/ der Kranke verloddert nach und nach, ist ungepflegt, lässt niemanden mehr wirklich an sich heran.
Oder sie/ er ergeht sich in utopischen Zukunftsplanungen und wähnt sich z.B. in der Chefetage.
Vielleicht aber ist sie/ er bereits an „Korsakow“ erkrankt und „beglückt“ seine Lieben mit irgendwelchen Fantasy-Stories, die sie/ er selbst für wahr hält.
Die Familie verzweifelt, denn sie liebt den kranken Menschen in ihrer Mitte nach wie vor, weiß aber überhaupt nicht mehr, wie sie mit ihm umgehen soll.
Aggression erzeugt Gegenaggression.
Nicht selten kommt es zu Handgreiflichkeiten, da die/ der Alkoholiker plötzlich eine unwahrscheinliche Gewaltbereitschaft entwickelt – und sich die/ der Partner/in irgendwann auch schließlich wehrt. Vielleicht sogar wehren muss.
Vertrauen geht verloren.
„Was kann man denn überhaupt noch glauben?“
Immer wieder verspricht das kranke Familienmitglied, ab sofort alles anders zu machen, und gelobt dauerhafte Besserung.
Doch der im Kreislauf involvierte Giftstoff verhindert dies. Und so wird jeder kleine Hoffnungsschimmer im Keim erstickt. Die Familie fühlt sich belogen und verraten.
„Würde sie/ er uns lieben, würde sie/ er ja aufhören zu trinken!“
Es liegt aber nicht an mangelnder Liebe – es liegt daran, dass das Aufhören ohne stationärer Behandlung gar nicht machbar ist, von sehr wenigen Ausnahmen einmal abgesehen!
Kommen dann auch noch „Korsakow“-Phantasien hinzu, fühlt sich die Familie regelrecht „vorgeführt“.
Denn woher soll sie auch wissen, dass die/ der Kranke selbst vom Wahrheitsgehalt seiner Schilderungen überzeugt ist und gar nicht absichtlich lügt?
Sollen Familie und Freunde also alles akzeptieren und verstehen?
Klare Antwort: Nein!
Natürlich ist es hilfreich und empfehlenswert, sich die genannten Punkte vor Augen zu führen. Denn nur so kann man halbwegs verstehen, was mit dem kranken Menschen passiert ist und warum er so und nicht anders handelt, gar nicht anders handeln kann wegen der teuflischen Erkrankung, die in ihm wütet.
Doch hinnehmen muss das niemand!
Es ist notwendig, legitim und unerlässlich, dem Alkoholkranken eine Bedingung zu stellen: „Entweder du machst etwas gegen deine Krankheit, oder wir trennen uns.“
So hart es auch klingt, aber anders geht es nicht.
Aufarbeitung der Vergangenheit nach einer erfolgreichen Entzugstherapie
Der Alkoholiker ist trocken.
Vieles vom Geschehenen weiß er überhaupt nicht mehr und natürlich liegt es nahe zu vermuten, dass er es gar nicht wissen will.
Doch für die meisten Alkoholiker ist es ein Schock, wenn sie das eine oder andere erfahren, was sie ihren Mitmenschen während ihrer „nassen“ Zeit angetan haben.
Hier helfen nur Gespräche!
„Das und das hast du getan und gesagt. Ausgelöst hat das dies und jenes in mir und bei uns!“
Man muss den Alkoholiker also nicht in Watte packen und ihm, sanft den Kopf tätschelnd, immer ins Ohr flüstern: „Jaaa – war ja keine Absicht von dir, du Arme/r ...“
Die Bereitschaft zu verzeihen, sollte jedoch da sein. Und das Bewusstsein darüber, dass sämtliches „Fehlverhalten“ (soll jetzt keine Verniedlichung darstellen) auf eine Krankheit und nicht etwa auf Absicht zurückzuführen war und ist.
Sonst bleiben auf beiden Seiten nur noch Depression und Verbitterung zurück – und damit ist wirklich keinem geholfen.
Denn außer einer Vergangenheit und Gegenwart gibt es schließlich auch eine Zukunft!
"Der Alkoholiker" dient als vereinfachter Oberbegriff und beinhaltet selbstverständlich auch "die Alkoholikerin".
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