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Sonntag, 26. August 2018

„Hartz IV" - und die allgemeine Unwissenheit

Die in Mode gekommenen Sendungen über die schmarotzenden parasitären „Hartz IV“-Empfänger nähren Unkenntnis und Vorurteile. 
Doch sollte man dann auch so fair sein, das Verurteilen anderer Personen zu unterlassen!
Denn viele der über die "Hartz-Vierer" schimpfenden und äußerst geplagten Hausfrauen und -männer wären ohne die Einkünfte ihres holden Ehegespons  selbst längst Sozialfälle.
Es werden sog. „Reality“-Formate präsentiert, die jedoch mit der tatsächlichen Wirklichkeit absolut nichts zu tun haben.

Natürlich gibt es sie, die von Natur aus Arbeitsunwilligen. Es gibt Menschen, die sich mit dem niedrigen ALG-II-Einkommen abfinden und lieber im Existenz­minimum verbleiben als einen Finger zu rühren …
aber warum gibt es sie?
Von Natur aus „faul“ sind die wenigsten. Stets spielen entscheidende Faktoren, wie z.B. eine geknickte Vita, Suchterkrankungen, psychische Defekte oder schlichtweg Ängste eine Rolle.
In den „Reality-TV“-Sendungen wird jedoch das in Mode gekommene altherge­brachte Klischée bis hin zur Erschöpfung bedient.

Teilweise ungepflegt wirkende Menschen mit leicht primitiver Ausdrucks­weise sitzen Kaffee oder Bier trinkend an schmutzigen Tischen und stopfen sich aus Unmengen von Tabak schachtelweise Zigaretten.
Während sie dies tun, schimpfen sie laut über den Staat und mit dem laut schreienden Kind.
Auf dem Fußboden liegt Schmutz – überhaupt sieht alles ziemlich dreckig aus. So entsteht die Annahme, alle ALG-II-Empfänger seien schlampig und mit der Hygiene sowieso nicht auf Du und Du.

Zur Bildung von Vorurteilen trägt auch die Unwissenheit bzgl. des Hartz-4-Re­gelsatzes bei.
Viele Leute wissen gar nicht, dass vom Regelsatz (aktuell 416,-€) die Kosten für die Strom- und Telefonrechnung ebenso getragen werden müssen wie auch die Auslagen für Bewerbungen Passbilder usw.
Sicher: Man kann ins Bewerbungscenter gehen. Doch nicht für jeden Leis­tungsbezieher ist ein solches Center in der Nähe oder überhaupt verfügbar.

Ebenso ist vorgesehen, dass von besagtem Regelsatz auch etwas für evtl. Re­paraturen und Anschaffungen zur Seite gelegt werden muss.
Der „Hartz-Vierer“ bekommt keine Einbauherde, Kühlschränke oder Sonstiges dieser Art vom Amt geschenkt!
Bestenfalls erhält er ein Darlehen, das ratenweise monatlich wieder einbehal­ten wird.

Diese Arbeitslosen brauchen ja noch nicht einmal was fürs Essen auszugeben … die kriegen das alles von der Tafel!“
Erstens befindet sich nicht überall eine Lebensmittelausgabe – und zweitens werden teilweise dort auch abgelaufene Nahrungsmittel ausgegeben, die sich die über „Hartz-4-Empfänger“ Schimpfenden niemals einverleiben würden.

Es ist nicht mehr zu ertragen, welches „Schlaraffenland-Dasein“ den Empfän­gern von Arbeitslosengeld 2 angedichtet wird.

Und vor allem wird eines zusätzlich vergessen:
Bis auf evtl. wenige Ausnahmen ist kein Mensch gern arbeitslos!

Der/ die mit sich selbst Unzufriedene – mitunter von Enttäuschungen, Schick­salsschlägen und unerfüllten Träumen geprägt – sucht und schafft sich gern ein Feindbild.Da bieten sich die ach so Arbeitsunwilligen natürlich an …

Ich rate jeder/ jedem, die/ der sich über „Hartz-IV“-Empfänger empört, doch mal einen Probemonat zu starten!

416 Euro (Die folgenden Zahlen stellen Durchschnittswerte dar):
- 50 € Strom
- 30 € Telefon
- 20 € Handy (braucht man heute allein schon zur Arbeitssuche!)
- 05 € Briefmarken (Bewerbung)
- 35 € Monatsfahrkarte (in Großstädten unerlässlich, auch für Bewerbungen – ermäßigter Preis)
Es verbleiben 276,- €.

Von diesem Betrag ist die Ernährung ebenso zu bestreiten wie die Körperpflege und die Pflege der Wohnung. Also vom Duschbad übers WC-Papier bis hin zu den Reinigungsmitteln.

Hier ein Auszug der offiziellen Zusammensetzung des Regelsatzes:
  • Essen und Trinken 137,66 € (für 4 Wochen … guten Appetit …)
  • Freizeit, Kultur 37,88
  • Internet, Telefon, Post 35,31
  • Strom und Haushalt, Instandhaltung 35,01
  • Innenausstattung und Haushaltsgeräte 24,34 €
  • Sonstiges 31,31
  • Bus, Bahn, Auto 32,90
  • Gesundheitspflege 15
  • Restaurant und Hotel 9,82
  • Bildung und Lernen 1,01
  • Kleidung und Schuhe 34,60

Spätestens hier erkennt die/der unbändig Tobende, dass hier nicht der oft un­terstellte Wohlstand herrscht.
Hartz IV soll ja schließlich das Existenzminimum abdecken – nicht mehr, nicht weniger!

Um so deutlicher wird hier doch, dass bestimmt keiner ein solches Leben frei­willig anstrebt.
Jeder Mensch möchte sich gern mal etwas gönnen. Und ebenso bedeutet Arbeit ja auch Teilhabe am Leben, Stärkung des Selbstwertgefühls, zwischenmensch­liche Kontakte und vieles mehr.



Aber:
Jedoch könnte der Staat auch mehr tun für die Menschen, die aus eigener Enttäuschung heraus fleißig auf das angebliche Luxusleben der Hartz-Vierer schimpfen.
Häufig sind das Rentner, die auch im Ruhestand noch arbeiten oder Leer­gut sammeln müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen! Obwohl sie 40, 45 Jahre gebuckelt haben ...

Leider wissen viele Rentner mit kleiner Rente nicht, dass sie ebenfalls unter­stützende Leistungen beantragen könnten – oder sie sind zu stolz dafür. Was man teilweise sogar verstehen kann.

Menschen jedoch, die selbst seit Jahrzehnten nicht mehr sozialversicherungs­pflichtig beschäftigt sind, sondern als Hausfrau/ Hausmann vom Einkommen des Part­ners/ der Partnerin leben – was ja absolut okay ist! - , sollten sich kein Urteil über sozial Schwache erlauben dürfen.
Teilweise wissen sie nämlich überhaupt nicht wie es ist, alleinstehend zu sein und ständig ums Überleben kämpfen zu müssen.
Es gibt auch Leute, die in unglücklichen Beziehungen verbleiben, weil sie sich dort wirt­schaftlich gut versorgt wissen.
Vielleicht fürchten sie sich sogar vor dem Arbeitsalltag oder trauen es sich ein­fach nicht mehr zu.
Das ist ja nichts Verwerfliches

Die geschilderten Sachverhalte bergen großen sozialen Sprengstoff.
Vielleicht sollte vom Fernsehen einmal gezeigt werden, wie viele Hartz-Vierer sich verzweifelt um Arbeit kümmern und immer wieder abgewiesen werden. Welche Kosten durchs Schreiben von Bewerbungen, Fahrten zu Vorstellungsge­sprächen usw. entstehen. Ohne eine Möglichkeit der verbilligten Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs (worüber sich die Gesellschaft natürlich ebenfalls entrüstet!) würde ein Viertel der Lebenshaltungskosten in Fahrtkosten aufge­hen.


Ohne die im TV gezeigten armen Menschen abzuwerten:
Es gibt sehr viele „Hartz-Vierer“, die sich pflegen und die sich durchaus ge­wählt ausdrücken können!
Hier wird ein total falsches Bild vermittelt!

Das Fernsehen sollte aufklären und nicht aufstacheln.
Sonst bilden „Hartz-4“-Empfänger eines Tages eine Randgruppe, über die sich jeder nach Belieben auslassen kann.
Solch ein Prellbocksystem kennen wir ja aus der deutschen Vergangenheit durch die Judenverfolgung recht gut.

Im 21. Jahrhundert haben wir nun schon drei Gruppen, an denen sich die Zor­nigen reiben:
Asylbewerber, Raucher und Hartz-4-Empfänger.

Das ist übel.



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